Mit einem Fokus auf den Konsum am fünften Vortragsabend fand die Reihe #100minutenZukunft ihren vorläufigen Abschluss. Nachdem unser allgemeiner Konsum – Lebensmittel, aber auch Wohnen, Mobilität, Unterhaltung, usw. – ein treibender Faktor des Wirtschaftssystems ist, ist es umso wichtiger, dass wir unser aktuelles Wirtschaftssystem näher beleuchten und besser verstehen. Hier liegt das Potenzial, den Konsum nachhaltig zu verändern.

Genau das zeigt Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien als Professorin für Ökologische Ökonomie in ihrem Impulsvortrag. Mit einem Fallbeispiel aus den USA (10:40 min) stellt sie dar, dass die Präferenzen von Konsument:innen entgegen der üblichen ökonomischen Modelle sehr wohl durch die Teilnahme am und vom Markt selbst verändert werden.

Sozial-technisches Modell

Den Ablauf einer solchen Systemänderung verdeutlicht Stagl an Hand des „multi-level perspective“ Modells (18 min). Die Mitte stellt das relativ stabile sozial-technisches System (Regime) dar, welches durch die Präferenzen der Konsument:innen, Industrie, Politik, Technologie, Kultur und Wissenschaft bestimmt ist. Außerhalb davon gibt es Nischenanwendungen, die (noch) nicht etabliert sind, und neue Ideen, Konzepte und Innovationen in allen Lebensbereichen darstellen können. Diese Nischenanwendungen sind divers und „bewegen“ sich in unterschiedlichste Richtungen. Übergeordnet stehen die äußeren (exogenen) Bedingungen – die sozial-technische Landschaft, welche praktisch die Rahmenbedingungen vorgibt. Stagl erklärt, dass durch Entwicklungen und starke Veränderungen in der Landschaft, sich „windows of opportunity“ (Zeitfenster) für neue und innovative Veränderungen öffnen können. Damit können Nischenanwendungen plötzlich an Bedeutung gewinnen und das stabile System in der „Mitte“ so verändern, dass wir eine neue andere stabile Konfiguration des Systems finden.

Dieses Konzept lässt sich an Hand unserer Erfahrungen in der Pandemie sehr gut verdeutlichen. Unsere sozial-technische Landschaft wurde durch die Einwirkungen des Coronavirus für mehr als ein Jahr massiv verändert und zahlreiche neue Standards konnten sich in unsere Gesellschaft entwickeln (22:16 min). Stagl stellt fest, dass wir besonders von diesen aktuellen Erfahrungen lernen und nachhaltige Verhaltensweisen etablieren können. Zum Beispiel führt sie an, dass virtuelle Meetings klimafreundlich, inklusiv, günstig und in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Auch wenn sie nicht jegliche Kommunikation ersetzen sollten, werden sie ein Teil davon bleiben.

Außerdem hat die Pandemie gezeigt, wie wenig resilient manche Lieferketten sind, meint Stagl. Diese weisen auch hohe Treibhausgasemissionen auf, wovon wir dringend wegkommen müssen.  Genauso schwierig ist das Thema Mobilität: Stagl bewertet die unterschiedlichen Mobilitätsformen aus volkswirtschaftlicher Sicht. Es sei klar, dass, wenn man mit dem Auto fährt, nicht nur die Kosten für das eigene Fahrzeug wie Parken, Treibstoff oder Anschaffung anfallen, sondern auch weitere Kosten für die Gesellschaft. Dabei geht es um die Bereitstellung der Infrastruktur (großteils aus Steuergeldern) oder gesundheitliche Kosten z.B. durch Luftverschmutzung. „Diese Kosten sind für den Rest der Gesellschaft fast genauso hoch wie für das Individuum, das den Verbrennungsmotor betreibt, und es ist erstaunlich, dass dies einfach so akzeptiert wird“, so die Referentin.  Im Vergleich dazu haben die aktiven Mobilitätsformen (wie Gehen oder Radfahren) einen höheren Benefit als sie kosten – nicht nur fürs eigene Wohlbefinden, sondern auch gesellschaftlich. Natürlich muss dies jeweils im richtigen räumlichen Kontext gesehen werden (Stadt, Stadt-Umland, Dorf, Tourismusregion, …).

Weg vom „market fixing“

Insgesamt sollten wir die positiven Erfahrungen aus der Pandemie aufgreifen und beibehalten, denn wir brauchen keine Korrektur der Märkte, damit wir zu dem zurückkommen wie es vorher war – kein „market fixing“ – sondern eine sinnvolle neue Richtung (28:17 min). Wir sollten überlegen, ob das Vorher wünschenswert war in allen Dimensionen oder ob es auch Veränderungsbedarf gab. Wenn ja, sollten wir dann nicht danach streben, mit aller Energie uns ein besseres Leben vorzustellen und dann auch umzusetzen und zu etablieren?

Die Umsetzung

Die Umsetzung kann hier aus drei Dimensionen bestehen (28:26 min): (1) Zunächst die Zielorientierung, einerseits für das Gesamtsystem die „sustainable development goals“ (SDGs), andererseits individuell: „Was möchte ich erreichen – auch mit meinem Konsumverhalten?“ Daraus ergeben sich klar abgeleitete „Missionen“ (z.B. der Kauf von biologischen Nahrungsmitteln bei regionalen Anbieter:innen). (2) Die Überlegung, welche Möglichkeiten und Verhaltensweisen es für diese „Missionen“ gibt (bottom-up). (3) Falls es diese Möglichkeiten nicht gibt, und ein Markt erst kreiert werden muss, kann man politisch aktiv werden bzw. mit anderen etwas starten.

Zusammenfassend halten wir fest, dass die aktuellen äußeren Einflüsse auf unser Wirtschaftssystem viele Möglichkeiten bieten, nachhaltige Verhaltensweisen langfristig in der Gesellschaft zu verankern. Stagl stellt fest, dass in vielen Bereichen über bessere Alternativen nachgedacht werden muss, und führt als Beispiel den nicht resilienten Tourismusbereich an, wo ein Umdenken auch vor allem aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll wäre (Diskussion 35 min).

Referenzen

Sigrid Stagl, Dissertation

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